30/2019: Es geht auch ohne den Spiegel

Es geht auch ohne den SPIEGEL.
Es geht auch ohne den SPIEGEL.

Früher war die Welt ganz einfach. Ost und West waren ein einfacher Gegensatz, Europa in der Mitte und sollte stark genug werden, um den drohenden atomaren Schlagabtausch zu verhindern. Es gab eine Friedensbewegung gegen Raketen. Und Solidaritätskampagnen für Nelson Mandela, für die revolutionären Kräfte in Süd- und Mittelamerika. Bei China wusste man nicht so genau, hoffte aber. Bei der UdSSR wusste man es ganz genau, sah aber keine Chance. So war es auch in der Innenpolitik ganz einfach. Oder in der Betrachtung der Presse-Organe. Springerpresse auf der einen Seite: FAZ, Die Welt, Bild. Alles nicht lesbar. Aber Spiegel und Frankfurter Rundschau und taz. Das war in Ordnung. Mein Weltbild hat in Presse-Fragen schon länger Risse: Vor allem, weil ein Gefährte aus Jugendtagen, Claus Christian Malzahn, der erst bei der taz war, dann zum SPIEGEL wechselte, jetzt bei der Zeitung „Die Welt“ arbeitet. In den großen Fragen hat sich vieles und fast alles geändert. Und mit diesen Änderungen auch mein Blick auf die Presse und die Tageszeitungen. Am tiefsten getroffen hat mich der sog. „Relotius“-Skandal. Erinnert sich jemand? Da gab es einen Redakteur, der hat schöne Geschichten geschrieben, aber leider waren viele nicht so gut recherchiert, sondern einfach erlogen. Mein Vertrauen in den SPIEGEL ist seitdem erschüttert. Und ich immer wieder Artikel aus dieser Zeitung interessant und lesenswert finde. Und dort Sachen lesen kann, die ich sonst fast nirgendwo finde. Zuletzt war dies ein Artikel über die neue Aktenlage zur Frage, ob der Reichstagsbrand 1933 eine Tat eines einzelnen oder eine fingierte Tat der Nazis war, um das sog. „Ermächtigungsgesetz“ durchzusetzen. Da konnte ich dann lesen: „In Wirklichkeit wurde das Dritte Reich nur möglich, weil Millionen NSDAP- und SA-Mitglieder und ein gutes Drittel der Wähler für den Nationalsozialismus Partei ergriffen hatten. Die Behauptung, die Nazis hätten den Reichstag angesteckt und Marinus van der Lubbe sei nur ihr Sündenbock, ist letztlich eine Entlastungsstrategie.“

 

 

Wie dem auch sei, hätte ich so nicht erwartet. Und dann weitere Artikel über die Situation in den USA im Jahr 1919 – also genau vor hundert Jahren. Da gab es den sog. „roten Sommer“: Der Sommer 1919 war in den USA von massiver rassistisch motivierter Gewalt geprägt. Hunderte afroamerikanische Männer, Frauen und Kinder wurden von weißen Schlägern bei lebendigem Leib verbrannt, erschossen, gelyncht oder erschlagen. Tausende mussten zusehen, wie ihre Häuser, Wohnungen und Geschäfte niedergebrannt wurden, oder sie wurden vertrieben.“ (…) Die Gewalt begann nicht 1919 und sie endete nicht in jenem Jahr.“ Berichtet wird auch davon, dass in den USA dieses Thema bisher kein Thema war. Denn es passte nicht zur schönen weißen Weste der USA, dass die USA durch den Eintritt in den 1. Weltkrieg die Welt ein Stück demokratischer gemacht habe. Oder wie der Experte für diese Fragen, David Krugler, sagt: „Es passt nicht in die netten Geschichten, die wir einander erzählen.“ – Das scheint dem SPIEGEL bei einer anderen Sache auch so zu gehen: Die Aufklärung des „Falles“ Relotius ist abgeschlossen, es gibt einen dicken Bericht. Allerdings: Vielleicht gibt es ja auch noch andere, die beim SPIEGEL gerne schreiben und von den entsprechenden Ressortleitern gefördert werden. So schreibt Stefan Niggemeier in seiner Kolumne über Ralf Buschmann, der jetzt befördert wird, obwohl nicht ganz auzsuchließen ist, dass er einen Artikel geschrieben hat, in dem eine Lüge verbreitet wird: „Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien machte der „Spiegel“ einen Verdacht öffentlich, der den ganzen Wettbewerb in Frage stellte. Der berüchtigte Matchfixer Wilson Raj Perumal soll behauptet haben, dass alle drei WM-Gruppenspiele von Kamerun wohl verschoben waren.“ Niggemeier legt dar, dass nichts dran sein kann an der Geschichte. Und ist genervt davon, dass der SPIEGEL bei seiner Darstellung bleibt. Ich bin davon auch genervt, aber nicht  mehr erstaunt.

 

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