35/2019: Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.

Gedenkveranstaltung 01.09.2019 - 80 Jahre nach Kriegsbeginn

Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, als ich mich am heutigen Sonntag auf den Weg zur Fw.-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst mache. Das letzte Mal war ich dort im Jahre 1982. Wehrpflicht hieß das damals. „Wenn du stark genug bist, geh“ – hieß das Motto. Für den Frieden einsetzen unter den Soldaten, dort direkt in der Kaserne. In Uniform haben wir demonstriert – alleine war ich nicht –aber es war verboten. Die Folge für meine Mitstreiter: Meistens Arrest für eine oder zwei Wochen. Und nun war ich 37 Jahre später auf dem Weg dorthin zu einer Veranstaltung des DGB und der VHS zum Antikriegstag 2019.

„Als Grund für den relativ späten Einsatz des Boelckegeschwaders an diesem ersten Kriegstag gilt das schlechte Wetter des Vormittags; so startete die III. Gruppe mit 30 Maschinen in Delmenhorst erst gegen 14.15 Uhr.“ – bei diesem Satz wird es sehr still im Saal „Große Höhe“ des Hauses Adelheide am 01.September 2019. Antikriegstag. Denn es ist genau 14:15 – 80 Jahre nach Beginn des II. Weltkrieges. Das Haus Adelheide liegt als ehemaliges Soldatenheim direkt bei der Kaserne in Delmenhorst, von wo das sog. „Boelckegeschwader“ seine tödlichen Angriffe während des Weltkrieges startete. Helmuth Riewe, Journalist, spricht diese Worte in seinem Vortrag zum Anlass des Antikriegstages 2019 auf einer Veranstaltung von DGB und VHS in Delmenhorst. Der Saal „Große Höhe“ ist rappelvoll, viele Interessierte sind gekommen, um dem Vortrag von Helmuth Riewe zu folgen. Wir erfahren, dass die Bombardierung von Zivilbevölkerung mit der damit einher gehenden hohen Todesrate und massiven Zerstörungen an Gebäude und Infrastruktur in Polen systematisch und als definiertes Kriegsziel eingesetzt wurde. Guernica und die Legion Condor, die einige vielleicht kennen, ist also keine Ausnahme, sondern ein Übungsflug gewesen. Und für das Boelcke-Geschwader war die totale Zerstörung des polnischen Ortes Lomza wenige Tage nach Kriegsbeginn eines von vielen polnischen „Guernicas“. Helmuth Riewe zitiert einen Experten in Sachen Boelcke-Geschwader, Hubert Brieden: „In Deutschland ist zwar eine beinahe unübersehbare Fülle an Publikationen zum Bombenkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte publiziert worden. Veröffentlichungen zu den Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe gegen spanische, polnische, niederländische, belgische, französische, englische, jugoslawische oder sowjetische Städte sind dagegen vergleichsweise rar gesät.“ Und Helmuth Riewe fragt zu Recht: „Wer kennt in Delmenhorst schon Lomza? Wo gibt es hier vor Ort eine schriftliche Quelle, die über das Verbrechen informiert, das dort von Fliegern vom hiesigen Standort Adelheide verübt wurde? Mir ist dazu bei meinen Recherchen kein Dokument in die Hände gefallen. Selbst ein vom Delmenhorster Friedensforum initiierten Vortrag von Hubert Brieden vor anderthalb Jahren hat an dieser Unkenntnis nichts ändern können.“ In Delmenhorst wird es dazu eine unter dem Dach der Volkshochschule eine Arbeitsgruppe geben, die sich speziell mit dem Kriegsschicksal der Stadt Lomza befasst, möglichst auch direkte persönliche Kontakte herstellt. Diese Arbeitsgruppe sollte sich nach Möglichkeit könnte sich auch mit weiteren Aspekten regionaler Erinnerungskultur mit Bezug auf die Kriegstaten der Boelcke-Flieger befassen. Dabei soll es vor allem um die zivilen Opfer eines enthemmten Luftkriegs gehen. Helmuth Riewe hat seinen Vortrag mit folgenden Worten beendet: „Wer sich heute, in Zeiten zunehmender internationaler Spannungen, konsequent für Frieden und Entspannung einsetzen will wird erkennen müssen, dass dafür eigener Einsatz erforderlich ist. Die Delegation von Friedenshoffnungen auf Berufspolitiker und Berufssoldaten wird weiterhin nicht ausreichend sein. Zivilgesellschaftliche Initiativen sind also gefragt – und langer Atem. Und womöglich die Orientierung an dem hoffnungsfrohen und zugleich immer unsicherer werdenden Leitspruch: Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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