Notizen und Gedanken - 10/2019

#Was sind Deine italienischen Momente im Leben?

Bild vom U-Boot-Bunker Valentin in Bremen-Farge

Wer gar nicht weiß, was ich damit meine, dem hilft das Weiterlesen bestimmt. Mein Tipp: Einmal, am besten aber mehrmals im Leben solltest Du in Italien gewesen sein. Denn wenn es ein Volk in Europa gibt, die sich die Lebensfreude erhalten haben, sind es die Italiener. Und das hängt natürlich auch mit dem Wetter zusammen – aber nicht nur. Meine italienischen Momente in meinem Alltag sind immer dann, wenn ich den neuen Krimi von Andrea Camilleri lese. Der neueste heißt: Das Nest der Schlangen. In Italien ist die Fernsehserie ein sehr großer Erfolg gewesen. Hoffnung keimt auf, wenn ich am Montag lese, dass die fortschrittlichen Kräfte in Italien sich erneut auf ihre Stärke besinnen. Und amüsant finde ich, dass der Bruder des Hauptdarstellers des Commissario Montalbano – des Helden aus den Krimis von Andrea Camilleri – der neue Vorsitzende der italienischen des Partito Democratico (PD) wird: Nicola Zingaretti heißt er. Das heißt doch, dass die Lektüre von Literatur immer doch auch die Wirklichkeit verändert, oder? Wer mehr von meiner Leidenschaft für Krimis lesen will, kann sich entweder bei mir informieren oder meine schon sehr alte Sammelrezension dazu lesen.

#Wo ist Deine Heimat?

Zitronenkuchen vom Blech

Wieder mal unterwegs, diesmal durch die Wesermarsch. Eine Gegend, in der ich jeden Kilometer kenne und dann immer Gedankenversunken an Menschen denke, mit denen ich vor vielen Jahren hier unterwegs war. Manche von ihnen sind noch immer Bestandteil des erweiterten Alltags – als Vater einer Tochter, die in die Parallelklasse meines Sohnes geht. Da ich viele Kilometer in Deutschland gemacht habe, geht es mir mit vielen Gegenden so – Erinnerungen, Gedankenfetzen, Gespräche, Feiern, Veranstaltungen, Diskussionen, Sitzungen … Heimat nenne ich das – in Abgrenzung zu denen, die immer glauben, dass die Heimat etwas ist, was sie besitzen. Heimat ist gelebte und lebendige Erinnerung an Menschen und Orte, an denen Du Dich wohlgefühlt hast oder Dich geärgert hast, wo Du gerne warst und wo Du eher zügig wieder weg wolltest. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und doch gibt es jetzt in einigen Zeitungen wieder die Frage, ob es erlaubt ist, danach zu fragen, woher man kommt. Ich bin in einer Straße aufgewachsen, wo diese Frage konstitutiv für das Verhältnis zueinander war: Da waren die Familien, die aus dem Osten dazugekommen waren und die Familien, deren Vorfahren schon lange in meiner Heimatstadt gelebt haben. Unzählige, rational nicht erfassbare Konflikte hatten meine Geschwister zu durchleben. Einiges habe ich noch selber erlebt – vieles musste ich nicht erleben. Meine Geschwister schon, die mir von den überstandenen Pöbeleien, Streitigkeiten, handfesten Konflikten erzählten. Heute lese ich, dass es wohl „Neorassimusmus“ war, der zu Konflikten geführt hat: „Neorassismus funktioniert wie ein gesellschaftlicher Platzanweiser: Die einen gehören dazu, die anderen sind nur dabei. Wichtig zu wissen: Hinter diesem Rassismus muss keine böse Absicht stecken. Es reicht, dass man Menschen wegen ihres Aussehens, Namens oder wegen ihrer Religion unterscheidet und woanders verortet.“ – so treffend formuliert es Ferad Ataman. So gesehen ist es auch heute noch so, dass ich erklären darf, woher ich komme – denn ich habe auch einen Mihigru – den Migrationshintergrund. Entspannung setzte Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ein – mein Erleben sagt mir: Integration und Kraft für ein konfliktloses Zusammenleben war möglich durch die Entwicklungen im Sozialstaat BRD der 70er Jahre: Angst um seine Zukunft hatte niemand mehr, Angst, die früher vielleicht ihr Ventil in Nachbarschaftskonflikten gesucht hatte, war nicht mehr da. Die Situation entspannte sich von Jahr zu Jahr. Die Kraft der Integration hat sich spät, aber tragfähig entwickelt. Es ist an der Zeit, daran heute wieder anzuknüpfen – an die guten Seiten der sozialstaatlichen Reformen.

 

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