21/2019: Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht.

Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht

#Europawahl #Grundgesetz #Menschenwürde #WillyBrandt

#Petition vom Max-Planck-Gymnasium  Delmenhorst

Bild vom U-Boot-Bunker Valentin in Bremen-Farge

Fast genau 40 Jahre ist es her, dass es in Delmenhorst ein Europa-Zelt gab, um den Wahlkampf für die Europa-Wahl überhaupt in Schwung zu bringen. Eine ganze Woche gab es Veranstaltungen, Bier und politische Diskussionen. Die Europa – Wahl damals: 65,7 Prozent Wahlbeteiligung. Wie es wohl am Sonntag ausgeht? Spitzenkandidat war damals Willy Brandt. Abschluss der Woche war eine Kundgebung mit ihm. Vor über 4.000 Menschen sagte er: „Im künftigen europäischen Parlament werden Vertreter der deutschen Sozialdemokratie und Gewerkschaften berechtigte deutsche Interessen vertreten. Europa soll stehen für Frieden, Gerechtigkeit und sichere Arbeitsplätze. Auch für die jüngere Generation muß es bessere Chancen als bisher geben.“ Willy Brandt – meine Weg nach Berlin ist im Augenblick eine abwechslungsreiche Lektüre – ich verstehe den Menschen und den Sozialdemokraten Willy Brandt jetzt viel besser.  SPD-Geschäftsführer in Delmenhorst damals war Manfred Jabs. Gewerkschafter, ohne Studium. Von ihm hatte ich ein Buch bekommen: „Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht“ – Schulungsmaterial bei IG Metall-Seminaren. Von E. A. Rauter. Das Grundgesetz war damals Thema in der Schule, auch wegen der Friedens- und Ausgleichspoltik von Willy Brandt und der Entspannungspolitik der 70 er Jahre. Immer noch beeindruckt bin ich von den ersten Sätzen: „In der Schule werden Menschen gemacht. Den Vorgang des Menschenmachens nennt man Erziehung. Das Elternhaus, das Kino, das Fernsehen, das Theater, der Rundfunk, die Zeitungen, Bücher und Plakate sind Schule in weiterem Sinne. Alle Stellen, die Informationen vermitteln, sind Schulen. Zum Machen von Dingen verwendet man Werkzeuge. Das Werkzeug, mit dem Menschen gemacht werden, ist die Information. (…)Nicht nur Personen drücken sich unklar aus, um uns Wahrheiten zu verbergen, auch Institutionen drücken sich in bestimmten Dingen unklar aus, manchmal Jahrzehnte lang. Wird eine Unklarheit oft genug ausgesprochen, gewöhnen sich die meisten an sie, als wäre es eine Klarheit. Je unklarer einer schreibt oder spricht, umso länger bleibt das Falsche verborgen, das in seiner Aussage steckt. Eine interessante Unklarheit ist zum Beispiel der Satz aus dem ersten Artikel des Grundgesetzes: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Es ist unmöglich, herauszu finden, was die Urheber dieses Satzes sagen wollten, wenn man sie nicht persönlich fragen kann. Ob man weiß oder nicht, was die Würde des Menschen ist, der Satz heißt: »Man kann die Würde des Menschen nicht antasten, es geht nicht.« Es geht aber. Nichts ist leichter, als die Würde des Menschen anzutasten. Die Urheber dieser Behauptung haben wahrscheinlich gemeint: »Die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden.« Wenn sie das hätten zum Gesetz machen wollen, wären sie gezwungen gewesen zu erklären, was das ist, die Würde des Menschen. Sie hätten konkret angeben müssen, durch welche Akte sie verletzt wird, sie hätten für das Antasten Strafen festsetzen lassen müssen. Das werden sie überlegt haben, schließlich ist es der erste Satz des Grund-Gesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Es wäre naiv, den Erfindern des Grundgesetzes schon im ersten Satz Gedankenlosigkeit zu unterstellen. Als sie anfingen, das Grundgesetz zu machen, waren erst zwei Jahre verstrichen, seit deutsche Familienväter durch Genickschüsse die Würde von Menschen angetastet hatten. Man spürt den Willen der Formulierer, die Würde auf irgendeine Weise in dieses deutsche Gesetz hineinzubekommen. Als sie ansetzten, die Würde des Menschen zu konkretisieren, hatten sie nicht bedacht, daß es mehr Möglichkeiten gibt, Menschen zu erniedrigen, als von hinten auf sie zu schießen.“ Meine Freude über die Feierlichkeiten zum Grundgesetz war in diesem Jahr groß: Weil die SchülerInnen-Vertretung am Max-Planck-Gymnasium den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz streichen lassen wollen und dafür eine Petition gestartet haben. Hier geht es zu einem Artikel darüber und zur Petition geht es hier.

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