33/2019: Wir sind Willy?

Wir sind Willy? Eben nicht, denken die Menschen.

Richtig wäre: Wir wollen wieder wie Willy werden.

Eine große Stärke von mir ist es, in Krisensituationen eine sehr kühlen Kopf zu bewahren und auch unter Hochdruck gute Ergebnisse zu liefern, weil ich dann sehr systematisch und planvoll arbeite. Aber wenn alles läuft, bin ich eher ein assoziativ-denkende und spontan-handelnde Mensch. Manche Projekte dauern dann etwas länger. Vor allem, weil ich dann manchmal Dinge entdecke, die sehr spannend sind, aber nichts mit dem eigentlichen Vorhaben zu tun haben. So ist es auch mit Leo Lania. Keine Ahnung, wie ich ihn entdeckt habe - Leo Lania, eine schillernde Figur des deutschen Pressebetriebes in den 20er- und 30er-Jahren des letzen Jahrhunderts- Mehr über ihn erfährst Du hier.

Auf jeden Fall ist er der Ghostwriter der ersten Biografie von Willy Brandt, dem damaligen Bürgermeister von West-Berlin, die mitten im Kalten Krieg gleichzeitig in acht Sprachen erscheint. Dieses Buch hat mir Willy Brandt auf eine andere Art und Weise näher gebracht – ich kann nun den Antikommunismus vieler Sozialdemokraten besser verstehen. Aber es gab eben neben dieser unnachgiebigen Haltung auch eine andere Seite – die Klarheit in der Kritik des Bestehenden: „Das entscheidende Problem in unserer Zeit und unter den Bedingungen unserer modernen Industriestaaten – mit der weitgehenden Trennung zwischen Eigentum und Verfügungsgewalt – ist das der Bändigung, der Kontrolle wirtschaftlicher Macht – nicht nur dort, wo sie zu politischer Macht wird, sondern auch dort, wo sie den freien Markt ausschaltet und den Wettbewerb überspielt“. SPD pur. Das war Willy Brandt. Und heute?

 

Angesichts der Versuche der AFD, Aussagen von Willy Brandt für sich zu nutzen, gibt es vor allem in den sozialen Medien die Kampagne „Wir sind Willy“. Diese Kampagne macht die Hilflosigkeit besonders deutlich. Richtig wäre: Wir wollen wieder wie Willy werden. Denn: "Die SPD hat in den letzten zwei Jahrzehnten ihre Seele verkauft. Sie wird nicht mehr als natürlicher Anwalt der abhängig Beschäftigten und sozial Benachteiligten wahrgenommen. Unternehmensberater sprechen in einem solchen Fall vom Verlust der Kernkompetenz oder des Markenkerns. Vorbei sind die Zeiten als die deutsche Sozialdemokratie noch als Gesamtbetriebsrat der Republik galt. Heute traut nicht einmal jeder Dritte der alten Tante SPD in Gerechtigkeitsfragen noch etwas zu. Die überwiegende Mehrheit der abhängig Beschäftigten wählt nicht mehr rot.“ – so Dierk Hirschel, Mitglied der SPD-Grundwertekommission. Die Kampagne "Wir sind Willy" erklärt den Zustand der SPD aber gut: Wenn Menschen glauben, dass sie nur beteuern müssten, sie wären wie Willy Brandt - dann ist dieser Rückgriff doppelt selbst entlarvend: Die Menschen wissen, dass ein Bundeskanzler Willy Brandt keine Agenda 2010 zugelassen hätte. Wir sind Willy? Eben nicht, werden die Menschen denken. Richtig wäre: Wir wollen wieder wie Willy werden, und dazu wollen wir  eine ganz andere, sozialdemokratische Politik machen. Dann würden einige vielleicht wieder hinhören. 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Leonhard (Mittwoch, 21 August 2019 21:52)

    Danke, Olli!