37/2019: Zahltag

Zahltag.

Ex-Politiker, nervige Comedy-Tante und Berater im Trash-Format.

Zahltag. Ex-Politiker, nervige Comedy-Tante und Berater im Trash-Format.
Zahltag. Ex-Politiker, nervige Comedy-Tante und Berater im Trash-Format.

Letzte Woche hatte ich über Felix Thönnessen geschrieben. Und diese Woche habe ich seit langem mal wieder das „normale“ Fernsehen geguckt. Und bin hängengeblieben bei „Zahltag“ auf RTL. Mit offenem Mund saß ich vor dem Fernseher, weil dort besagter Felix T. neben Cindy aus Marzahn und Heinz Buschkowsky aus Berlin saßen. Heinz B. aus Berlin gibt seit Jahren den Klartext-Redner im neoliberalen Mainstream und sagt immer allen, dass sie sich mal bewegen sollen, wenn sie etwas für sich im Leben erreichen wollen. Heinz B. hat ein Buch geschrieben und ist ebenso wie Neukölln mittlerweile überall. Neben Frau Ilka Bessin, die selbst mal Alg-II-Bezieherin war, gibt er den Stammtisch-Ton in der Sendung an: Die sollen endlich mal was tun. Nicht umsonst bietet Amazon das Buch von Heinz B. an und direkt daneben das neueste von Sarrazin. Ilka Bessin macht einen auf verständnisvoll und drückt auch mal eine Träne ab. Und Felix Thönessen? Er muss zugeben, dass er bisher gar nicht wußte, dass es auch Menschen gibt, die wirkliche Probleme haben. Die Sendung „Zahltag“ ist für mich der absolute Niedergang den Senders RTL. Denn: Es ist klar, dass viele Probleme mit Geld allein nicht zu lösen sind. Wenn Menschen 10 und mehr Jahre nicht gearbeitet haben – egal aus welchen Gründen – werden sie mit etwas Geld nicht zu agilen und zielbewussten zukünftigen Unternehmern. Denn das ist das Ziel: Zu sehen, ob ganze Familien es schaffen, sich mit einer Summe Geldes selbstständig zu machen. Zahltag: Sie erhalten die Summe Alg-II, die sie als Bedarfsgemeinschaft für ein ganzes Jahr erhalten hätten. Eine fünfköpfige Familie erhält monatlich folgende Summe Alg II: 1.717 Euro. Das wäre für 12 Monate dann etwas mehr als 20.000 Euro. Wenn noch die Miete für 1 Jahr draufgelegt wird und Geld für die Krankenkassenbeiträge, dann wären es ungefähr 38.000 Euro. Und was fällt Felix Thönnessen dazu ein (sinngemäß): „Das ist eine ganz schöne Stange Geld.“ Und sinniert darüber, dass eine Familie in zehn Jahren dann 380.000 Euro erhalten würde. Damit ist dann auch der Sinn der Sendung klar: Die hart arbeitenden Menschen sollen sich klar darüber werden, dass es diese Loser auch dann nicht schaffen werden, wenn man ihnen Geld gibt. Selber schuld. So funktioniert die Entsolidarisierung. Auf Deutschlandfunkkultur beschrieb der Journalist Sebastion Friedrich es sehr zutreffend: „Ich finde die Sendung noch gefährlicher als die reinen Trash-Formate, denn diese Sendung funktioniert viel subtiler. Durch diesen dokumentarischen Stil wird hier so getan, als sei das hier eine objektive Sendung, ein objektives Format, um die Eingangsfrage, ob die Arbeitslosen zurecht arbeitslos sind, zu beantworten. Wir haben hier durch diese auf den ersten Blick freundlichere, zugewandtere Art diese Ideologie von ‚jeder ist seines Glückes Schmied‘“ viel subtiler vermittelt.“

 

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